--- Privateer, Krankenstation
Verdattert schaute Pormas Tayeya immer noch an. War diese doch mit einer Sensibilität eines Flußpferdes auf seine, nicht für sie bestimmten, Worte eingegangen.
Nachdem er sich davon erholt hatte, antwortete er ihr: "Ich glaube, ich werde Ihr Angebot annehmen, Miss Wakan." Der Südländer war sich nicht klar darüber wie er sie jetzt anzusprechen hatte. Waren sie nicht am ersten Tag in der Bar auf Du gewesen?
"Ich bräuchte tatsächlich etwas Führung, um einen Weg zu finden mit mir ins Reine zu kommen. Obwohl ich glaube, daß der vergangene Tag ja eigentlich genug gewesen wäre mich mit meinen inneren Dämonen auseinander zu setzen", fügte Pormas mit triefenden Sarkasmus hinzu.
Zwar würde er ihre Hilfe annehmen, aber auf der Beliebtheitsskala stand sie nicht sehr weit oben. Aber so etwas wie mit Schwester Entenburg durfte einfach nicht noch einmal passieren. Gerade wollte die Indianerin zu einer Entgegnung ansetzen, als sie ein Commruf unterbrach:
"Silvana an Voltak, Pormas, Wanda und Kal'chi, Sohn des Chi'par. Begebt euch auf schnellstem Wege zu Narbos Bar. Ich hab so im Gefühl, daß es dort einiges zum Aufräumen gibt. Die Verletzten vor und nach eurer Aufräumaktion bringt ihr auf die Krankenstation oder holt Kargan in die Bar. Alle die vor Alkohol nicht mehr stehen können, kommen in die Arrestzellen zum Ausnüchtern. Außerdem ... paßt auf Narbos kleine Spielereien auf, wenn ihr nicht wollt, daß euch plötzlich ein Arm fehlt. Silvana Ende."
"Wie Sie hören, ich muß weiter, Doktor. Ich melde mich dann heute nach meiner Schicht bei Ihnen. Und wären Sie so nett Kargan Bescheid zu sagen? Danke!" Zu Marc gewandt sagte der Südländer noch: "Ich komm dich danach auch noch mal besuchen."
Mit Elan schwang er sich vom Biobett. Er spürte nichts mehr von der Lethargie, die ihn befallen hatte, als er die Krankenstation verließ. Er hatte wieder eine Aufgabe.
Kargan sah ihm nach und dachte bei sich: 'Es ist doch immer noch erstaunlich, wie schnell Silvana meine Kranken heilt. Sie hätte Psychologe werden sollen.'
Dann fiel sein Blick wieder auf Tegger. 'Na, vielleicht besser doch nicht...'
Da Tayeya sich wieder um Tegger kümmerte - was Schwester Entenburg dazu brachte, sich wieder um ihren Hünen zu kümmern, beschloß Kargan, seinen Wirkungsbereich dorthin zu verlegen, wo er in wenigen Minuten höchstwahrscheinlich gebraucht werden würde.
"Ich bin im Narbos", sagte er zu Tayeya, während er seinen Arztkoffer zusammenpackte.
--- Deck 7, Salannns Quartier
'Das mit den Farbbomben hätte ich mir eigentlich denken können!', dachte Jack. Normalerweise konnte man nach jeder Explosion auf diesem Schiff davon ausgehen, daß Narbo seine Finger im Spiel hatte.
Nur die Explosion in dem Turbolift hatte er wohl nicht fabriziert und die Sache war Narbos Meinung nach wohl so gut, daß etwas von seinem Stolz angekratzt wurde. Das konnte er wohl nicht auf sich sitzenlassen.
Dann sah Collins Salannn an. Die Argumente, die Silvana anbrachte, waren eigentlich recht plausibel und selbst Narbo bestritt nichts von dem was Salannn behauptete. Nun konnte es natürlich sein, daß das Mädchen unglücklich in diese Lage geraten war.
"Also gut!", sagte der Psychologe dann. "Es gibt drei Möglichkeiten: Erstens, Sie nehmen Ihre Arbeit in der Bar wieder auf. Zweitens, Sie versuchen sich irgendeinen anderen Job auf diesem Schiff zu suchen oder Drittens, Sie verlassen das Schiff bei nächstmöglicher Gelegenheit. Ich würde Ihnen gerne mehr bieten, aber auf diesem Schiff können wir uns diesbezüglich keine großartigen Sentimentalitäten leisten."
Collins sah zu Narbo und Silvana. "Ich denke, es wäre fair ihr bis morgen eine Bedenkzeit zu geben." Er stand auf und spürte, wie sein T-Shirt sich auf dem Rücken von dem inzwischen angetrockneten Blut löste. Die Jacke verdeckte die Spuren Silvanas Lust glücklicherweise.
Zwar schmerzten die Stellen etwas, aber die Erinnerung, wie die Wunden entstanden, waren so angenehm, daß Jack diesen Schmerz gar nicht wahrnahm.
"Wenn ich meinen letzten Termin erledigt habe, sehe ich mal nach der Bar", sagte Collins zu Narbo. Dann wandte er sich zu Silvana. Als sich ihre Blicke trafen, war der gelangweilte Gesichtsausdruck Silvanas sofort verschwunden. "Falls du noch nicht genug von dem "Psychokram" hast, kannst du mich gerne weiterbegleiten."
Etwas leiser fügte er hinzu: "Allerdings muß ich erstmal die Bekleidung wechseln."
'Wer nicht kämpfen kann, hat auf der Privateer nichts verloren!', dachte der Ferengi grummelnd und ließ sich das Wort "Bedenkzeit" etwas länger auf der Zunge zergehen...
Widerlich!
Während ein leichter Brechreiz Narbos Speiseröhre verkrampfen ließ, bemerkte er plötzlich das Merkwürdigste in dieser - menSCHlichen - Situation: Silvana war überhaupt nicht auf den Quatsch eingegangen, den der Psycho-Hanswurst abgelassen hatte.
Dazu noch der sehr feine, aber dennoch wahrnehmbare Geruch von getrockneten Blut, der die Luft verpestete und das Brennen im Magen des Ferengi noch weiter zunehmen ließ.
Es gab nur eine mögliche Erklärung, die zweifelsohne mit diesen niederen, tierischen Instinkten zusammenhing, die Silvana kontrollierten.
Narbo mußte schlucken.
Die Amazone zwang ihn zu irgendwas und bei dem Versuch ihr zu entgehen, hatte sie eine schmerzhafte Strafe verhängt! Wieso sollte sie Collins auch sonst bei seinem Rundgang begleiten, der nur Schwäche und Verständnis für Fehler an Bord brachte?
Langsam bewegte sich der Ferengi Schritt für Schritt ohne Abschiedsgruß rückwärts aus dem Quartier und war dabei so leise wie noch nie in seinem Leben.
Aufmerksamkeit zu erregen könnte jetzt tödlich sein.
Als der funkelnde Blick von Silvana ihn traf, grinste er schief und murmelte etwas wie "Muß zur Bar. Mal gucken. Ihr wißt schon", und beschleunigte so schnell wie möglich, nachdem er das Quartier verlassen und die Tür sich zischend hinter ihm geschlossen hatte.
--- Gang vor Narbos Bar
Als Pormas vor der Bar eintraf, sah er die restlichen Sicherheitsleute schon versammelt und hörte auch schon den Tumult in der Bar.
Der Vulkanier Voltak, Kal'chi, der irgendwie gar nicht gut aussah, und eine hübsche blonde Frau, Wanda, waren das restliche Team.
Mit einem "Gehen wir mal rein" auf dem Lippen, betrat Pormas mit den Anderen die Bar.
--- Narbos Bar
Das Bild, welches sich dem Sicherheitsteam bot, kam einem Schlachtfeld gleich. Hier prügelten sich zwei, dort lagen welche betrunken oder verletzt auf dem Boden, beides wohl durch die Gier nach Alkohol begründet.
Weder Narbo noch irgendeine Bedienung waren zu sehen. So wie es aussah, ging alles aufs Haus. Aber bei der Bar eines Ferengi gab es so etwas wie eine Happy Hour nicht.
"Wir sollten hier schnell einschreiten", sprach Voltak und rief mit lauter Stimme. "Meine Damen und Herren bitte verlassen Sie dieses Etablissement und begeben Sie sich auf die Krankenstation, um...."
Weder die Menge noch die anderen Sicherheitsleute hörten dem Vulkanier weiter zu. Mit stummen Kommandos begannen sie damit die Bar zu räumen.
Während Kal'chi die Bar räumte und sicherte, gingen Pormas und Wanda durch die laute Menge und sammelten den Alkohol ein, bevor sie die Leute aus der Bar warfen.
Alles ging ohne weitere Probleme vonstatten, da sie sich zuerst um die Bewußtlosen kümmerten, die sich nicht weiter wehrten. Als sie sich dann mit den anderen Zechern befaßten, gab es auch keine größeren Probleme, da sie inzwischen erkannt hatten, daß der Zapfenstreich gekommen war.
Nach kurzer Zeit war die Bar weitestgehend geräumt und bis auf kleinere Handgemenge war nichts passiert. Voltak und Kal'chi waren mittlerweile vor Narbos Bar auf dem Gang und zerstreuten den Teil der Barbesucher der noch laufen konnte.
So waren nur noch Wanda und Pormas mit fünf menschlichen Zechern in der Bar. Diese hatten sich bis jetzt vehement gegen jeden Rauswurf geweigert und tranken immer weiter.
Wanda versuchte ihr Bestes sie zu überreden die Bar zu verlassen, aber die Gruppe blieb weiter sitzen. "Jetzt hör mal zu Schätzchen", lallte der Größte von ihnen. "Ich gehe hin wo immer ich will. Aber jetzt will ich hierbleiben."
Glucksend lachten die Männer noch immer, als Pormas hinzutrat. Hilfesuchend blickte die Frau den Südländer an, als der grobschlächtige Kerl weitersprach: "Ach jetzt kommt dein Beschützer oder was? Glaub mir, auf meinem Schoß ist es sicherer!"
Unter Gejohle faßte der Betrunkene Wanda an den Hüften und zerrte sie zu sich. Es wäre wahrscheinlich nicht viel mehr passiert, da der Mann die blonde Frau sofort wieder losließ und sich sogar zum Gehen anschickte. Er hatte seinen Spaß ja gehabt und mit Silvana, worauf es letzten Endes hinauslaufen würde, legte sich auch der Betrunkenste nicht an.
"Pormas!", rief die überraschte Frau aus.
Dieser kleine Hilferuf aber versetzte den Südländer in eine völlig andere Welt. Es waren nicht mehr fünf betrunkene Männer, die sich einen Spaß mit einer Sicherheitskollegin namens Wanda erlaubten. Nein. Es waren fünf Attentäter, die seine Helen töten wollten. Und die kleine Südländerin rief um Hilfe und er würde sie mit seinem Leben verteidigen.
Mit einem wütenden Gebrüll stürzte sich Pormas in die Gruppe und versetzte dem ersten einen krachenden Schlag gegen die Schläfe, bevor er die anderen für ihre Unverschämtheit bestrafen würde...
Kargan betrat die Bar in dem Moment, als Pormas sich auf eine Gruppe von fünf recht kräftig aussehenden Leuten stürzte. Wortlos zog er einen Stuhl heran, stellte seine Tasche ab, griff nach dem unbenutzten Glas, das noch auf dem Tisch stand, und füllte es aus der zwar unbeschrifteten, aber dafür halbvollen Flasche, die daneben auf dem Tisch gestanden hatte.
Nachdenklich musterte er die Kämpfer mit scharfen Augen und stellte schon einmal seinen Phaser auf Betäubung. Nur für den Fall, daß irgendwer auf unfaire Gedanken kommen sollte, schließlich konnte man auch im 24. Jahrhundert mit Messern noch sehr unangenehme Dinge anstellen.
Danach nippte er an der bernsteinfarbenen Flüssigkeit.
Ein zweites Khitomer erwartete den bestürzten Ferengi, als er die Pforte zu seiner vormals wunderschönen Bar betrat: Der Boden war stellenweise mit Blutspuren besudelt und der Grossteil des Inventars war zerbrochen und lag verstreut in den Ecken.
Dann entdeckte er den Klingonen, der seinen medizinischen Notfallkoffer neben einen der letzten intakten Tische gestellt hatte und gentleman-like an einem cardassianischem Fischbier nippte, während ein gewisser Schmalspur-Sicherheitsmann kurz davor stand, die Prügel seines Lebens einzustecken...
Ein schöner Gedanke!
Mit Vorfreude setzte sich Narbo zu Kargan an den Tisch und goß sich ebenfalls ein Fischbier ein. Der leicht verdorbene Geschmack war heute ganz besonders gut.
Pormas bekam gar nicht richtig mit, wie die Beiden nacheinander in die Bar hineinkamen. Zu sehr war er mit seinen Gegnern beschäftigt.
'Mist', dachte der Südländer, als er seinen Fehler erkannt hatte. Die restlichen vier Männer, in deren Mitte er unvorsichtiger Weise gesprungen war, hielten ihn jetzt fest oder schlugen auf ihn ein.
Er spürte wie eine Rippe krachte und keuchte auf, als ein Schlag ihn mitten in den Bauch traf. Als sich Pormas zusammenkrümmte, schlugen die Männer weiter fröhlich auf ihn ein.
'Geschieht dir recht!', flüsterte eine Stimme im Geist des Südländers. 'Erst schaffst du es nicht Helen zu retten und jetzt versagst du schon wieder!'
'Nein!'
'Oh doch!', schallt ihn die Stimme weiter. 'Wenn du es nicht mal schaffst ein paar Betrunkene zu bändigen, was willst du dann noch hier?'
'Hör auf, laß mich in Frieden!', rief Pormas in seinen Gedanken, während er weiter Schläge einstecken mußte. Diese waren aber nichts gegen die Qual, den ihm die Worte verursachten.
Auf die Entgegnung seines Unterbewußtseins mußte er nicht lange warten, 'Ach in Frieden? Glaubst du Helen ist im Jenseits im Frieden? Sie schaut auf dich herab, wie du hier wimmerst und fragt sich, wie sie etwas für dich empfinden konnte!'
Das war zuviel. Hatte Pormas den Schmerz über Helens Verlust halbwegs überwunden, so kamen mit einem Mal die Schuldgefühle in ihm auf, die sich mit seiner inneren Stimme zu Wort meldeten.
Wieso hatte er dieses Unglück nicht verhindern können? Er, der soviel Wert auf seine Ausbildung und Fähigkeiten gelegt hatte?
So irrational diese Vorwürfe auch waren, da das Attentat ja nicht einmal Helen gegolten hatte, der Südländer erkannte es nicht. In ihm keimte die ganze Wut und der Frust zu ungeahnter Größe heran.
Und diese volltrunkenen Kneipenschläger waren eine willkommene Gelegenheit dieser Wut Luft zu machen.
Das Adrenalin schoß plötzlich mit so einer Wucht durch seine Adern, daß er sich mit einem Mal losriß. Die Männer waren völlig perplex, da sie keinen Widerstand mehr erwartet hatten, und ließen ihn gewähren.
Ohne den Männern noch eine Chance zu geben sich zu organisieren, schlug Pormas mit aller Gewalt dem Nächststehenden ins Gesicht. Ein wohliges Knacken verhieß nichts Gutes über den Zustand der Nase des Getroffenen.
Rücklings fiel der nun aus der Nase blutende über seinen Stuhl hinweg und schlug mit dem Kopf auf. Der kräftige Schlag und der Alkohol ließen ihn sofort das Bewußtsein verlieren.
Der hünenhafte Südländer bekam davon gar nichts mit, denn der Zweite versuchte einen Treffer an Pormas Kinn zu landen. Dieser war aber zu schnell und ergriff das Handgelenk des Angreifers mit seiner Linken. Dieses riß er an sich heran, während der Südländer gleichzeitig seinen rechten Ellebogen in die Mundpartie seines Gegenübers rammte.
Der Rotschopf verlor alle Kraft, während er zu Boden sank und seine blutgetränkten Zähne ausspuckte.
Bevor Pormas sich darüber freuen konnte, wurde er hart am Kopf getroffen. Der dritte im Bunde, ein junger, hagerer Typ mit blonden Haaren, hatte den Hünen mit seiner ganzen Kraft ins Gesicht geschlagen.
Aber er hatte nicht genug Kraft.
Vor Wut schäumend versetzte Pormas dem Jungspund mit der Linken eine schallende Ohrfeige, die diesen nach rechts schleuderte. Unglücklicherweise wollte dieser einen Sturz vermeiden, indem er mit schneller Laufbewegung seinen Flug abbremsen wollte. So stieß er in voller Fahrt gegen Wanda, die sich gerade wieder aufgerappelt hatte und Pormas zu Hilfe eilen wollte. Der hagere Kerl riß sie um.
Der Südländer wollte sich mit einem Gebrüll auf ihn werfen, als er von hinten eine sich nähernde Präsenz spürte. Mit einem Kriegsgeschrei auf den Lippen, stieß sich Pormas in einer Drehbewegung vom Boden ab und fuhr sein rechtes Bein aus, mit dem er den hinterhältigen Angreifer fast den Kopf von den Schultern riß.
Mit dem selben Schwung landete der Grieche wieder auf den Beinen und sprintete zu Wanda und dem blonden Schläger, welche beide gerade wieder auf die Beinen kamen.
Mit seinen beiden prankenähnlichen Händen packte Pormas den Mann an Kragen und Gürtel und warf ihn wie ein Hammerwerfer in einer Kreisbewegung über die Köpfe von Kargan und Narbo hinweg.
Naja fast....
In seinem Flug riß er den Ferengi mit um, der rücklings mit seinem Stuhl umkippte, während Kargan dies scheinbar belustigt zur Kenntnis nahm.
"Das war für das verdorbene Essen", keuchte der Südländer, während er sich gegen die Theke plumpsen ließ.
Das Adrenalin verschwand langsam aus der Blutbahn des Hünen, als er die Augen schloß und sich auf seine Schmerzen konzentrierte.
'Du siehst, ich habe sie NICHT verloren! Sie nicht!', schrie er seiner unterbewußten Stimme entgegen.
Die aber schwieg.
Eine zarte Berührung riß Pormas aus seinem Delirium und er sah gerade noch Wandas schönes Gesicht, als sie ihre Lippen zu den seinen führte und ihn küßte...
Kargan hatte die ganze Szenerie verfolgt, und machte sich keine Sorgen. Er war aus seiner Zeit zu Hause wesentlich deftigere Schlägereien gewöhnt. Im Gegenteil hatte er den Eindruck gehabt, daß diese kleine Prügelei ein recht gutes Heilmittel für Pormas gewesen sein könnte. Schließlich hatte der Mediziner diesen Menschen schon lange nicht mehr so aus sich herausgehen sehen.
Mit einer Handbewegung aktivierte der Klingone seinen Communicator und sagte: "Kargan an Krankenstation. Bitte bereithalten für sieben Leichtverletzte einer Kneipenschlägerei. Kargan Ende."
Dann öffnete er seine Medizintasche, nahm eine Zahnbox heraus, sammelte die drei Vorderzähne, die Pormas dem einen Angreifer herausgeschlagen hatte, desinfizierte sie und konservierte sie in der Box.
Anschließend verglich er mit seinem Tricorder die Verletzungen der Beteiligten mit den Beobachtungen, die er während der Schlägerei angestellt hatte.
Nach ein paar Minuten hatte er die Bestätigung, daß er eine gebrochene Nase, ein paar verlorene Zähne, zwei leichte Gehirnerschütterungen, eine Platzwunde am Hinterkopf, eine gebrochene Rippe und massenhaft Verstauchungen zu behandeln hatte.
Nachdem alle Verletzten wieder auf den Beinen standen, und sich gleich wieder aufeinander stürzen wollten, donnerte Kargan: "Das reicht jetzt! Marsch zur Krankenstation! Wer zuletzt dort ankommt, wird von mir persönlich behandelt!"
Mit diesen Worten schob er Pormas mit seiner angeknacksten Rippe und Narbo mit seiner notdürftig verbundenen Platzwunde am Hinterkopf vor sich her.
--- Deck 6, Gänge
Leise fluchend folgte Narbo dem Klingonen und dachte lieber gar nicht an die zerstörte Bar zurück. Wenn seine Überwachungstechnik richtig funktioniert hatte - und das tat sie immer - würde er Slade bald ein nettes Homevideo mit den Schuldigen präsentieren können...
Er grinste mit einer teuflischen Fratze bei dem Gedanken, an die enormen Schadensersatzforderungen des Anticaners. Oder an die 30 Jahre Sklavenarbeit für die armen Schläger, die nicht zahlen konnten.
"Trottel!", schrie er plötzlich laut auf, als der nichtsnutzige Mensch ihm in die Hacken trat, "wohl von Mami und Papi zuwenig Aufmerksamkeit bekommen, als du klein warst... Paß gefälligst auf!"
--- Deck 7, Salannns Quartier
Collins schien inzwischen Erfolg mit seiner Art der "Behandlung" zu haben. Jedenfalls schien Salannn sehr ruhig geworden zu sein, als er ihr klargemacht hatte, daß man für ein Leben auf einem so rauhen Schiff wie diesem geschaffen sein mußte, da man nichts gegen die rauhen Sitten an Bord unternehmen konnte.
Insgeheim vermutete Silvana, daß es dem Psychologen im Grunde nur darum gegangen war, mit seiner ruhigen Stimme auf das dumme Ding einzuwirken. Etwas das auch bei kleinen Kindern und hungrigen Zentaugis funktionierte.
Salannn hatte die ganze Zeit nichts erwidert, was sollte sie auch sagen, der Psychologe hatte alles gesagt und Narbo würde schon einen Grund finden, sie wieder zu schikanieren. Wahrscheinlich jetzt erst recht.
"Ich habe mich entschieden!", sagte sie. "Ich werde mir was Neues suchen und wenn ich nichts finde, gehe ich bei der nächsten Station von Bord. Bis ich etwas Neues habe, werde ich weiter in der Bar arbeiten!"
"Das hört sich vernünftig an!", sagte Collins. "Dann können wir ja jetzt gehen." Er war jetzt auch schon ein wenig ungeduldig geworden. Die Art wie Narbo sich benahm, gefiel dem Psychologen überhaupt nicht.
Und Silvana machte keine Anstalten sich zum Verhalten des Ferengi zu äußern. Jack hatte bei dem Abgang Narbos das Glitzern in ihren Augen bemerkt. Ihre Pupillen hatten sich zusammengezogen und den Ferengi fixiert bis er verschwunden war, wie ein Raubtier seine Beute.
"Ehrlich gesagt, mein bester Freund könnte er auch nicht werden!", sagte der Psychologe in die Stille, als er bemerkte, daß der Blick der Sicherheitschefin ganz in Gedanken wieder Richtung Tür gewandert war.
Silvana lachte ein heiseres Lachen, während sie sich mit den Händen auf der Tischplatte abstürzte und ihren Kopf befreit in den Nacken warf. Seit langer Zeit war sie nicht mehr so ausgeglichen gewesen wie in diesem Moment.
Zuerst hatte sie Jack endlich aus der Reserve gelockt und den Mann in ihm zum Vorschein gebracht. Eine durchaus befriedigende Arbeit, wie sie sich schmunzelnd eingestehen mußte und dann zu allem Überfluß und um den Tag so richtig abzurunden, kniff Narbo auch noch den Schwanz ein und wich wie ein kleiner geprügelter Hund vor ihr zurück.
Aus irgendeinem Grund hatte sie diesmal, wo sie auf seiner Seite stand und ihm nicht mehr als einen durchdringenden Blick geschenkt hatte, mehr Eindruck bei ihm hinterlassen, als sogar zu dem Zeitpunkt wo sie ihn in seiner eigenen Bar fast zu seinen geldgierigen Urahnen geschickt hatte, weil er eines seiner Messer ihrem Tod gewidmet hatte.
Konnte es einen schöneren Anblick geben als diesen?
Dann sah sie wieder unverwandt den Psychologen an und als sich ihre Blicke trafen, begann es wieder zwischen ihnen zu kribbeln. Es dauerte etwas, bis ihr bewußt wurde, daß immer noch dieses junge Ding wartete, ob sie ihr noch etwas zu sagen hatten oder ihr Quartier verließen. Aber es war alles gesagt.
Die Sicherheitschefin erhob sich elegant, packte dann Collins an der Schulter und schob ihn sanft aber bestimmt Richtung Tür. Als die Tür schon geöffnet war und sie fast draußen waren, wandte sie sich aber noch einmal um und konnte sich eine kleine sarkastische Anmerkung nicht verkneifen. Zum Glück war sie ja kein Psychologe...
"An deiner Stelle, Kleine, würde ich in der Bar künftig sehr gut aufpassen wohin ich meine hübschen Finger stecke, sonst könnte es leicht sein, daß du sie nicht wiedersiehst..."
Dann schloß sich die Tür hinter ihnen und sie waren wieder allein.
Das Schluchzen von Salannn hörten sie schon gar nicht mehr.
--- Deck 7, Gänge
Der Psychologe sah sie mit einem leicht tadelnden, wenn auch amüsierten Gesichtsausdruck an, anscheinend fand er ihr Schlußwort nicht diplomatisch genug.
"Was willst du, Jack? Immerhin war ich so nett sie vor Narbos netten Tricks zu warnen..." Damit hakte sie das Thema endgültig ab und schwenkte auf ein viel lohnenderes Thema um.
"Du sagtest doch gerade, daß du deine Kleidung wechseln möchtest. Und da ich dich noch gerne weiter auf deiner Tour begleiten würde, nehme ich an, du hast nichts dagegen, wenn ich meine Dusche in deinem Quartier nehme..." Ihre gelben Augen funkelten ihn herausfordernd an.
--- Krankenstation
Als Kargan mit der Rotte Leute ankam, die er bereits avisiert hatte, wurde er von Schwester Entenburg und ein paar Hilfspflegern erwartet, die die Schwester offenbar aufgrund Kargans Ankündigung aus ihrer freien Zeit geholt hatte. Der Klingone wußte, daß Entenburg es haßte, Patienten warten zu lassen.
Noch bevor er sich erkundigen konnte, wo sich Tayeya befand, steuerte Schwester Entenburg schon auf Pormas zu. Sie begrüßte ihn mit den Worten: "Na, Sie bleiben aber nie lange weg, was?", und führte ihn zu seinem Bett.
Seinem Bett?
Kargan ging in sein Büro und schnappte sich eine Tafel, auf die er etwas schrieb. Währenddessen überlegte er sich, wie oft Pormas seit seinem Dienstbeginn schon auf der Krankenstation war.
Als allererstes mußte er vorgestern von seinem cardassianischen Äußeren befreit werden. Anschließend war er wohl in die Bar gegangen, wo ihn Kargan kreidebleich aufgegabelt, und ihn gleich wieder auf die Krankenstation geschickt hatte.
Danach starb seine Freundin, und bei den Nachforschungen brachte ihn ein Nervenzusammenbruch erneut in Kargans Obhut, aus der er von Tayeya entlassen, und ein paar Minuten später von Schwester Entenburg wieder eingeliefert wurde.
Kurze Zeit nach seiner erneuten Entlassung lieferte er sich nun mit ein paar Betrunkenen eine Schlägerei und brach sich ein paar Rippen.
Kargan grinste schief, als er sein Kunstwerk begutachtete. Dann hing er das Schild an Pormas' Bett. Nun stand dort zu lesen: "Reserviert für Pormas Theocrates".
Der Chefarzt sah, daß bereits alle Patienten versorgt wurden - auf dem Weg hatten sich alle so vorbildlich beeilt, daß er zu dem Schluß gekommen war, daß seine ärztliche Kunst hier überflüssig war.
Trotzdem fragte er Schwester Entenburg, die gerade mit der Unterstützung des MHN einen Zahn zurück in den Kiefer transplantierte: "Wo ist eigentlich Tayeya?"
Ohne aufzuschauen antwortete sie: "Die macht gerade einen Hausbesuch. Eines der Opfer unseres Dauergastes. Ich glaube, Herr Theocrates hat einen Techniker beiseite geschleudert, als er auf dem Weg zu seiner toten Freundin war."
--- Deck 8, Gänge
Es fiel überhaupt nicht auf, daß er hier an der Antimaterieleitung arbeitete. In den letzten Stunden hatte er die Energieabschirmung an dieser Stelle so oft fluktuieren lassen, daß es notwendig erschien, sich die Leitung einmal näher anzuschauen, zumal es sich um die einzige Antimaterieleitung handelte, die sich in unmittelbarer Gangnähe befand.
Das kleine, unscheinbare Gerät, das er nun neben der Leitung plaziert hatte, war ein kleines Wunderwerk der Technik - seinem Spezialgebiet. Sogar der Captain hatte seine Begabung erkannt gehabt, was viel hieß, da dieses bald tote Fellbündel eigentlich kaum etwas mitbekam, was um ihn herum geschah.
Und auch in diesem Fall würde der Captain kaum etwas mitbekommen. Das kleine Gerät, das er gebastelt hatte, scannte die Abstrahlungen der Communicatoren. Sobald sich der Captain mit seinem Communicator näherte, würde ein genau definierter Impuls auf die Abschirmung der Antimaterieleitung einwirken, was zur Folge hätte, daß ein kleines Paket Antimaterie freigesetzt werden würde. Die folgende Explosion hatte er so berechnet, daß sie lediglich ein kleines Stück des Ganges verwüsten würde - inklusive des Captains, der sich zwangsläufig genau an dieser Stelle aufhalten mußte.
Da sich die Leitung am Fußende des Ganges befand, würde die Explosion Slade von unten nach oben zerfetzen. Mit etwas Glück würde er noch die Zeit finden, sich zu fragen, wer oder was ihn getötet hatte.
Sekundenbruchteile später würden die föderativen Sicherungen ansprechen und die Leitung komplett schließen, so daß keine weitere Antimaterie austreten konnte. Diese Sicherungen hatte er sehr sorgfältig kontrolliert - auch Attentäter hingen an ihrem Leben.
Anschließend würde die Geschwindigkeit der Privateer unter Warp fallen, und ehe die Leitung repariert wäre, hätte er sich schon mit einem der Peregrines abgesetzt.
Als er mit seiner 'Reparatur' fertig war, ging er zurück in den Maschinenraum und führte den Teil seines Planes aus, über den er am Längsten nachgedacht hatte: Nicht er, sondern jemand anderes mußte den Captain auf den Maschinenraum beordern. Zu diesem Zweck aktivierte er ein kleines Programm, das eine synthetisierte Meldung aktivierte.
Dann vertauschte er seine Communicator-Attrappe mit dem echten Communicator. Niemand würde aufgrund irgendwelcher Logdateien ermitteln können, daß er sich längere Zeit am Ort der Explosion aufgehalten hätte.
--- Deck 8, Quartier 262
"Ich würde sagen, Sie sind bereits wieder völlig wieder hergestellt, Mr. van de Fohlen", sagte Tayeya zu dem Menschen, der sich gerade wieder anzog. "Die Prellungen an Ihrem Rücken sollten jetzt nicht mehr schmerzen. Sie können wieder arbeiten gehen."
"Danke, daß Sie gleich gekommen sind", sagte van de Fohlen. "Normalerweise bin ich gar nicht so zimperlich, aber wenn die Lehne meines Sessels immer genau auf die Stelle drückt, auf die mich dieser Verrückte geschleudert hat..."
"Es ist ein sehr armer Mensch", unterbrach ihn die Indianerin. "Er hat das Liebste verloren, was er hatte, und muß sich jetzt erst wieder zurechtfinden. Einen neuen Sinn für sein Leben finden. Ich bin fast sicher, daß ihn Selbstmordgedanken quälen. Die erste Reaktion ist meistens ein großer Schock. Dann denkt man, das Leben hätte nun keinen Sinn mehr. Aber es hat einen, und den muß er ganz alleine finden. Wir können ihm nur dabei helfen.
Und Sie müssen stets daran denken: Was Ihnen widerfahren ist, ist nichts im Vergleich zu dem Verlust, den er erlitten hat." Weiter auf den Techniker einredend, begleitete Tayeya ihn zu seinem Arbeitsplatz.
--- Brücke, inzwischen
"Technik an Captain."
Slade kannte die Stimme nicht, aber er antwortete: "Was gibt's? Schon wieder ein Turbolift abgestürzt?"
Die Stimme antwortete: "Nicht ganz, Sir. Mr. Xiang hat einen Hinweis auf den Attentäter entdeckt. Offenbar ist er in der Sicherheit zu finden. Mr. Xiang hält es für wichtig, daß Sie persönlich zu uns in den Maschinenraum kommen."
"Ich bin unterwegs", rief Slade und stürzte zum Turbolift. Unterwegs kam ihm kurz der Gedanke, daß es sich um eine Falle handeln könnte, aber als sich der Lift problemlos in Bewegung setzte, unterdrückte er diesen Denkvorgang. Statt dessen dachte er darüber nach, wer aus der Sicherheit für diesen Anschlag in Frage kam.
Silvana? Sie hatte ihn schließlich gleich zu Beginn fast getötet. Er hatte seitdem zwar den Eindruck gewonnen, daß sie loyal zu ihm stand, aber man konnte sich ja auch irren.
Diese klingonische Kampfmaschine? Nein, ihm traute er nicht so viel Phantasie zu.
Einer der Neuen? Theocrates? Hmm...ja, vielleicht...
Die Tür des Turboliftes öffnete sich und Slade setzte sich in Bewegung.
--- Maschinenraum
"So, Mr. van de Fohlen, drückt Ihr Sessel noch?" Tayeya lächelte den Techniker an, der sich ganz vorsichtig niedergelassen hatte.
Dieser lächelte zurück und sagte: "Nein, ich bin Ihnen sehr dankbar. Ich hätte niemals gedacht, daß eine einfache Massage so effektiv sein kann."
Tayeyas Lächeln wurde zu einem überlegenen Grinsen: "Es kommt darauf an, welches Massageöl man nimmt, und wieviel Übung man besitzt. Auf jeden Fall ist eine keine 'einfache' Massage! Ich lasse Sie jetzt weiter arbeiten. Wenn Sie noch Beschwerden haben, rufen Sie mich einfach."
Mit diesen Worten verließ sie den Maschinenraum.
--- Deck 8, Gänge
Als die Indianerin um eine Ecke bog, lief sie direkt in den Captain hinein. Dieser blickte nach unten und sagte: "Nicht so stürmisch, junge Frau! Was habe ich Ihnen getan, daß Sie mich über den Haufen rennen wollen?"
Tayeya wäre beim Zurückprallen beinahe hingefallen und konnte Slades Äußerung nicht so richtig witzig finden. Aber sie fing sich schnell und sagte ihm: "Captain, ich muß mit Ihnen über Doktor Kargan und seine Behandlungsmethoden reden!"
Dieser eilte schnell weiter und meinte nur: "Jetzt habe ich keine Zeit."
Aber Tayeya gab nicht auf und lief hinter ihm her. Als sie ihn erreicht hatte, rief sie: "Aber jetzt hören Sie mich doch an! Wissen Sie, was er mit Pormas gemacht hat? Er..."
Der Rest des Satzes ging in einem Donnergetöse unter, als die präparierte Antimaterieleitung explodierte...
--- Maschinenraum
Das Technikerteam um Xiang hörte die Explosion, und den anschließenden Alarm, als die Feldsicherungen einer Antimaterieleitung ansprachen und den Antimateriefluß stoppten.
Während das Schiff unter Warp fiel, liefen die Techniker auf den Gang, wo sich ihnen ein grauenhaftes Bild bot. Überall Blut und Leichenteile. Und inmitten dieser Stätte der Verwüstung ein regloser Körper, den es nicht ganz so schlimm erwischt hatte wie den (oder die?) Anderen.
Der kleine Koreaner Xiang wurde bleich, und seine Untergebenen mußten ihn stützen, sonst wäre er bei dem Anblick zusammengebrochen.
Er hatte erkannt, daß mindestens ein Körper den Captain davor bewahrt haben mußte, vollkommen zerfetzt zu werden. Nun war jede Sekunde kostbar. Es kam nun darauf an, Ärzte so lange wie möglich von hier fernzuhalten. Deshalb ...
Seine Gedanken wurden abrupt unterbrochen, als sich ein Techniker aufraffte, zu dem Körper rannte, seinen Communicator an ihm befestigte und rief: "Nottransport! Eine Person zur Krankenstation beamen! Sofort!"
Der Körper löste sich auf und Xiang konnte nur noch hoffen und beten, daß die Explosion stark genug gewesen war. Seine Auftraggeber konnten es gar nicht leiden, wenn ein Auftrag nicht sauber erledigt wurde, und hier hatte er vielleicht schon zum zweiten Mal versagt...
--- Krankenstation
Kargan saß in seinem Büro, als ihn ein Tumult aufschrecken ließ. Schnell lief er in den Behandlungsraum, wo ihn auf einem Biobett eine blutüberströmte Gestalt erwartete, die nur noch entfernt an den Captain erinnerte.
Entenburg und das MHN waren bereits bei dem Patienten. Kargans Gedanken verdrängten routinemäßig alle Emotionen, denn wenn es hier eine Möglichkeit gab, den Captain zu retten, dann nur mit extrem kühlem Kopf.
Angewidert riß Narbo die Augen weit auf und starrte auf den blutverschmierten Haufen organischen Abfalls, der mal sein Captain gewesen war. Doch irgendwas stimmte hier nicht; der Kadaver bewegte sich noch etwas!
Die Magensäure kroch im Hals des Ferengi empor und bahnte sich seinen Weg zu dem Ausgang, als der süße Geruch von verbrannten Haaren seine Nase und das leise schmerzverzerrte Stöhnen des bewußtlosen Anticaners seine Ohren erreichte.
Wenn der Captain hier auf in der Krankenstation elendig und qualvoll verreckte...Narbo konnte es kaum aussprechen, so angsteinflössend und schrecklich war der Gedanke:
'Wem zum Teufel soll ich dann das Beweisvideo zeigen und wer treibt den Schadensersatz für die zerstörte Bar ein?', dachte er zum ersten Mal seit langem in wirklicher Furcht und sah seine ganze geniale Intrige zur Vernichtung der Schläger gefährdet.
Und alles nur, weil dieser dumme Anticaner nicht auf sich aufpassen konnte! Am Liebsten hätte er das qualmende Etwas wütend angesprungen und den Captain gefragt, wie er ihm DAS antun konnte!
Hatte der Kerl kein Herz? Oder war es bei der Explosion verschmort?
Fragen über Fragen....
Nach der Explosion und einer kurzen Zusammenfassung Jean-Lucs, waren Silvana und Jack sofort auf die Krankenstation geeilt und hatten ihre ganzen weiteren Pläne über den Haufen geworfen. Der Unfall des Captains hatte absolute Priorität.
Und dieser lag regungslos auf einem Biobett. Jack beobachtete, wie Kargan sich um ihn kümmerte. Scheinbar lebte er noch.
Collins überlegte schnell. "Silvana, ich weiß zwar nicht ob er überleben wird, aber für die Besatzung sollte er erstmal gestorben sein. Dieser Mistkerl von Attentäter hatte scheinbar nur ihn auf dem Plan. Und wenn er jetzt glaubt, der Captain ist tot, wird er versuchen zu verschwinden. An Bord bleiben wird er nicht, weil er genau weiß, daß er dann früher oder später geschnappt wird."
Der Psychologe wandte sich in Richtung Ausgang. Bis jetzt wußte er nur, daß es den Captain erwischt hatte, und wo es passiert war. "Ich möchte mir die Stelle auf Deck acht ansehen!", sagte er dann und verließ die Krankenstation.
Total verwirrt lag Marc ebenfalls auf einer Liege der Krankenstation. Er hatte total den Überblick verloren. Zuerst wurde Pormas entlassen, obwohl es hieß, daß er zusammen mit Marc am nächsten Morgen erst gehen dürfte. Dann, kurze Zeit später kam Pormas wieder zurück; mit angeknacksten Rippen und einer ganzen Kompanie von Verletzten.
Dabei hatte Tegger belustigt zugeschaut, wie Kargan ein großes Schild an das Biobett hing, auf dem der Südländer lag. Na gut, man konnte es ihm nicht verübeln. Schließlich war Pormas jetzt schon zum x-ten mal hier. Und gerade, als Marc eine spitze Bemerkung ablassen wollte, da materealisierte etwas mitten im Raum.
Entsetzt hatte Marc auf dieses Etwas gestarrt und sich gefragt, was da wohl passiert sei. Erst beim zweiten Hinschauen erkannte er die betroffene Person.
DER CAPTAIN.
Von oben bis unten war er mit Blut und sonstigem absonderlichem Zeug bedeckt. Schnell wandte Marc den Blick ab, sonst hätte irgend jemand sein Erbrochenes auch noch wegwischen dürfen. Mit einem schummrigen Gefühl im Magen drehte er sich zu Pormas um und rief: "Ey Pormas. Was bezahlst du eigentlich dafür, daß du hier eine Privatliege bekommen hast?"
"Wer den Schaden hat....", seufzte Pormas. "Naja, ich war öfter hier als im Sicherheitsbüro. Und da ich dort keinen eigenen Stuhl habe, kriege ich als Dauergast mein eigenes Bett!", antwortete er verschmitzt.
Während Marc leise lachte, war der Südländer mit seinen Gedanken schon wieder ganz woanders. Ohne eine Gefühlsregung beobachtete er, wie Kargan den Captain zusammenflickte.
Was war geschehen?
Ein weiteres Attentat vermutlich. Narbo schien ebenso am überlegen zu sein, was passiert war. Apropos Narbo.... nach und nach kamen die letzten Minuten wieder in sein Bewußtsein.
Hatte dieser Ferengi doch seine Eltern beleidigt! Wäre Pormas nicht zu verwirrt (was hatte der Kuß von Wanda zu bedeuten?) und erschöpft, wäre er direkt aufgesprungen und hätte ihm eine verpaßt.
Aber andere Dinge waren jetzt wichtiger. Allerdings nur jetzt.
Hastig verdrängte er das wieder aufkeimende Bild von Wanda, als ihm klar wurde, daß er etwas tun mußte, wenn er diesen Attentäter zur Strecke bringen wollte.
Pormas sprang (mal wieder?) vom Bio-Bett auf und informierte sich beim erstbesten Verletzten, wo und wie sich das Unglück ereignet hatte.
Marc warf ihm noch ein "Bis gleich!" hinterher, als der Südländer schon aus der Tür verschwunden war.
Silvana hatte nicht bemerkt, daß der Psychologe inzwischen gegangen war, so sehr nahm dieser Vorfall ihr ganzes Denken in Anspruch. Sie fragte sich was der Täter als Nächstes plante, und da ihre ganzen Teams zu unfähig waren um den Täter zu finden und aufzuhalten, bevor er ein erneutes Attentat veranstaltet hatte, konzentrierte sie sich jetzt selbst voll und ganz auf den Schutz des Captains.
Ein Schutz, von dem auch sehr stark sein Überleben in den nächsten Stunden abhing. In seinem Fall stand bei ihr ihre Freundschaft, ihre Loyalität, aber auch ihr Respekt im Vordergrund. Sie hatte kein Interesse daran, daß sie der neue Captain wurde. Und was war besser, als von einer Person geschützt zu werden, die keine Angst vor dem Tode besaß?
Ihre Augen hatten zornig funkelnd den wortlosen Abgang von Pormas mitverfolgt, der es in dieser Situation anscheinend für richtig befunden hatte den Captain schutzlos allein zu lassen und das wo er ihr bis jetzt keinerlei Beweise für einen möglichen Täter geliefert hatte. Sie nahm sich vor ihm später beizubringen, was es hieß an Bord eines Schiffes wie der Privateer zu arbeiten.
Da die Sicherheitschefin selbst teils Tier und teils gewissenloser Killer war, versetzte sie sich einfach in das Denken des Täters hinein und ihr war sehr schnell klar, daß der jetzt im künstlichen Koma liegende Captain ein leichtes Ziel abgab und der Täter dank des mißglückten Attentats gezwungen war schnell noch einmal zu handeln, wenn er seinen Auftraggeber nicht enttäuschen wollte.
Mit jeder Stunde wuchs das Risiko entdeckt zu werden. Und Silvana war sich sicher, daß es jemand hinter dem Killer gab.
Bei Slades Anblick, der wie ein totes Tier auf dem Biobett lag und dessen wölfisches Grinsen sie in ihrem Hinterkopf vor sich sah, rang sich ein unmenschlicher und maßlos zorniger Schrei aus ihrer Kehle und sie schlug wütend ihre linke Faust gegen die Wand nahe eines Kastens, daß dessen Inhalt bebte und klirrte. Dafür erhielt sie einen tadelnden Blick von Kargan, der sich in seiner Konzentration gestört sah und sich um seine Medikamente sorgte, doch der war ihr egal.
Slade lag vielleicht im Sterben und es war ihre Schuld. Warum hatte sie sich auch auf ihre Leute verlassen? Warum hatte sich die Jägerin zu sehr von den Gefühlen der Frau in ihr ablenken lassen?
"Verdammt", fluchte sie und niemand der Anwesenden machte den Fehler sie etwas zu fragen.
Der Schmerz ihrer linken Hand ließ ihr Denken langsam klarer werden. Zuerst mußten die vielen Leute aus der Krankenstation. Sie lenkten ab und eine Unaufmerksamkeit war das Letzte, daß sie jetzt gebrauchen konnte. Nachdem Entenburg sie bereits fast alle notdürftig verarztet hatte, warf Silvana sie kurzerhand hinaus.
Bald war die Station leergefegt bis auf einige Leute. Einen Hünen in einem Bio-Bett, der nicht laufen konnte und Tegger für den dasselbe galt. Narbo, weil er selbst Interesse daran hatte den Täter zu fangen. Entenburg und ein Pfleger, damit das Ganze auch nicht verräterisch leer wirkte. Und dann natürlich Kargan, der Slade noch immer behandelte und dabei langsam ins Schwitzen kam und alles rund um sich vergaß.
Trotzdem gefiel es Silvana nicht im Geringsten den Captain auf einem derartigen Präsentierteller zu wissen. Fieberhaft arbeitete sie an einer Lösung des Problems, bis ihr schließlich eine Idee kam. Glücklicherweise stand Slades Bio-Bett an der hinteren Rückwand der Krankenstation und das kam für ihren Plan genau recht.
Zuerst versiegelte sie den Eingang der Krankenstation mit ihrer Autorisation für Notfälle. Dann schob sie mit Hilfe von Narbo - der zwar lautstark protestierte - die an der Wand stehenden Schränke so, daß Slades Bio-Bett sichtgeschützt lag und der Raum dadurch nur etwas kürzer wirkte, wenn man genau hinsah.
Niemand, der nicht sofort fand wonach er suchte, würde den kleinen Unterschied bemerken. Und da lag auch schon der kleine Haken an ihrem Plan.
Der nicht FAND wonach er suchte...
Silvana wies den Computer an im Biobett davor eine holografische Simulation des Captains, Kargans und seines Operationswagens aufzubauen. Somit spiegelte der Computer genau das wieder, was hinter dem Kasten zu sehen war und was der Killer zu sehen erwartete. Kargan konnte in aller Ruhe arbeiten und wenn es noch mal zu einem Anschlag kommen sollte, dann würde der holografische Captain der Leidtragende sein.
Mit ihrer Arbeit zufrieden, schüchterte Silvana Schwester Entenburg und ihren verbliebenen Helfer ein, besser keinen Fehler im Vorspiegeln eines völlig normalen Krankenalltags zu machen und gab danach wieder den Zugang zur Krankenstation frei. Sie war sich nun sicher, daß der Täter seinen nächsten Anschlag nicht überleben würde. Für das was er Slade angetan hatte, würde sie ihm das Herz aus der Brust reißen und es zerquetschen wie eine reife Kaldos.
Ihre Pupillen waren schmal geworden, ihr Adrenalinspiegel war sehr hoch und nur mehr das Gelb ihrer Augen war zu sehen. Jeder der sie kannte, der widersprach ihr jetzt besser nicht.
Ihr Zorn war nur mehr mit dem Blut ihres Gegners zu besänftigen.
Ohne Zeit zu verlieren, schnappte sie sich Narbo und ihre Stimme hatte die Schärfe einer Klinge. "Hör zu...
Der Täter wird genau jetzt zuschlagen, wo er glaubt, daß noch nicht alles zu Slades Sicherheit getan wurde, alles noch in heller Aufruhr ist und sich um den Ort des Anschlags schart um Indizien zu finden. Also wird ihn sein nächster Weg genau hierher führen um sein Vorhaben endlich in die Tat umzusetzen. Aber wenn er mich sieht, dann wird er nicht zuschlagen, wenn er nicht lebensmüde ist, also werde ich nach hinten zu Slade gehen um für alle Fälle eine letzte Hürde bei seinem Anschlag zu sein und du bist mein Auge hier draußen.
Ich verlaß mich darauf, daß dir dein Leben lieb ist und du deine Sache gut machst." Ihr Lächeln war kalt und ohne jedes Gefühl.
Dann drehte sie sich wortlos um und ging hinter den Schrank zu Slade um ihre Position einzunehmen.
--- Deck 8, Gänge, inzwischen
Collins kam gerade um die Ecke, als zwei Helfer einige Körperteile in einen Leichensack steckten. "Wer ist das?", fragte er schon in dem Wissen, daß er die Antwort gar nicht hören wollte.
"Die Ärztin, diese Indianerin!", antwortete einer der beiden und Jack erstarrte. "Was? Tayeya?", fragte er heiser und eine unbändige Wut überkam ihn.
Die angenehmen Erlebnisse der letzten zwei Stunden waren wie weggeblasen. Der Psychologe sah sich kurz die Stelle an, an der die Antimaterie aus der Leitung getreten war. 'Geschickt gemacht!', dachte er. Die Privateer würde einige Zeit nicht auf Warp gehen können. Genug Zeit um sich aus dem Staub zu machen.
--- Maschinenraum
Ein Trupp Techniker verließ den Maschinenraum gerade als Collins eintrat. Er musterte die Leute und erkannte den einen oder anderen, der schon mal in der Bar gewesen war, außerdem einen der Männer, der Silvana und ihn aus dem Turbolift "befreit" hatte.
Jack schritt schnurstracks auf den kleinen Cheftechniker zu, der jetzt emsig damit beschäftigt war die Reparaturteams zu koordinieren. Seine Gesichtsfarbe sah ziemlich seltsam aus, aber Jack hatte nicht die Zeit sich darum zu kümmern.
"Die Einsatzlogs der letzten zwei Tage!", sagte Jack knapp.
"Hören Sie Collins! Für so etwas habe ich jetzt keine Zeit!", raunzte Xiang zurück. In Jack kam die alte Routine aus der USO - Zeit wieder durch, wo es in solchen Fällen keine Wiederrede gab. "Die Logs, bitte!", sagte er nachdrücklich und schob den Koreaner telekinetisch zu einem der Computerterminals.
Völlig überrascht sah der Koreaner Collins an und holte dann die gewünschten Informationen auf das Computerdisplay. "So, den Rest müssen Sie selber heraussuchen, ich habe jetzt wirklich etwas anderes zu tun!" Xiang drehte sich um und ging dann wieder zu seinen Leuten.
"Mal sehen", murmelte Jack. "Die Stelle... Deck 8... hm... Fluktuationen im Eindämmungsfeld? Jemand ist dort gewesen! Aber keine Eintragung wer... und kein Communicatorlog, klar!
Xiang, wer war an der Stelle und hat die Fluktuationen im Eindämmungsfeld der Antimaterieleitung repariert?", fragte Jack so laut, daß Xiang und alle anderen Anwesenden es hören konnten. Und Collins nahm jede Regung wahr.
Der kleine Koreaner überlegte kurz. "Der Typ, der, der nicht richtig reden konnte, klar, ich glaube, der war es! Wo ist der eigentlich?"
"Den Namen!", drängte Jack. "Ich weiß nicht so genau, er war neu...", antwortete der Cheftechniker und Jack bemerkte, wie der Koreaner plötzlich ganz schön zu schwitzen anfing.
Nachdem Pormas in Windeseile zur Unglückstelle gekommen war, hörte er beim Betreten des Maschinenraums gerade noch die letzten Gesprächsfetzen. Nach der Ursache der Explosion zu urteilen konnte es nur ein überaus fähiger Techniker, bzw. Auftragsmörder gewesen sein.
Selbst in seinen besten Zeiten hätte sich der Grieche nie an so etwas wie eine Antimaterieleitung herangetraut. Der Hüne baute sich bedrohlich hinter Jack auf und fixierte den Chefingenieur mit einem tödlichen Blick.
Xiang geriet daraufhin immer weiter ins Schwitzen.....
... und erbrach sich heftig in eine Ecke. Als er sich vollkommen außer Atem und mit in das Gesicht hängenden Haaren wieder etwas beruhigt hatte, entschuldigte er sich: "Ich habe noch niemals eine so schlimm zugerichtete Leiche gesehen. Und wenn ich daran denke, daß es sich dabei um jemanden handelt, mit dem ich noch vor Minuten geredet habe, dann könnte ich schon wieder...
Ich glaube, ich gehe kurz auf die Krankenstation und lasse mir ein Medikament geben."
Diejenigen, die Xiangs schlurfenden Abgang beobachteten, sahen ihm eher mitleidig nach. Einer der Techniker sagte sogar zu den Ermittlern: "Bitte seien Sie nicht so streng mit ihm! Bei dem Anblick eben ist er fast zusammengebrochen!"
In dem Moment betrat Jean-Luc den Schauplatz des Geschehens. "Ja, was ist denn hier los? Ich sehe schon, daß es eine gute Idee von mir war, mir von meinem guten Freund Charly das Putzprogramm kopieren zu lassen, damit bin ich in der Hälfte der Zeit fertig. Oh, Mr Pormas! Wie geht es Ihnen? Ich hatte schon befürchtet, daß ich Sie ebenfalls aufwischen müßte! Aber offenbar sind Sie relativ gut erhalten, wenn ich es auch etwas schade finde, daß Sie die meiste Zeit auf der Krankenstation verbringen. Ich glaube, ich werde Sie nächstens dort besuchen, um Ihnen die Zeit etwas zu verkürzen...."
Jack ignorierte mühsam das Geschwafel des Androiden. Mit seinen Gedanken war er im Moment ganz woanders. Er drehte sich um zu Pormas, der so aussah, als ob er Jean- Luc gleich zu einer Konservendose verarbeiten würde.
"Irgend etwas ist hier ganz faul!", sagte der Psychologe zu dem Griechen und unterbrach Jean-Lucs Redeschwall. "Angeblich waren Fluktuationen in der Abschirmung der Leitung und jemand wurde hingeschickt um sie zu beseitigen. Und dieser Jemand hat auch diese Abschirmung manipuliert.
Auf jeden Fall muß es einer von der Technik sein, jeder andere, der nicht dazu gehört, wäre sofort aufgefallen. Außerdem sind die Fluktuationen ab einem bestimmten Zeitpunkt verschwunden, bis zur... hm..."
In Pormas Gesicht spiegelte sich Ungeduld, aber Collins konnte seine Vermutungen und Befürchtungen nicht beweisen. "Es muß jemand sein, der sich im Schiff auskennt und der überall unbemerkt und unauffällig arbeiten kann. Ein Technikfreak!
Den einzigen, den ich kenne, der alle Kriterien erfüllt, ist wahrscheinlich jetzt auf der Krankenstation, was wiederum zusammenpaßt. Denn wer befindet sich auch dort?"
"Oh eine Menge Leute sind auf der Krankenstation...", begann der Androide nun wieder. "Kargan, Silvana... der Cap..."
Der Psychologe sah ihn warnend an. "Halt den Mund!", meinte er drohend. "Ich werde mich mal intensiver hier im Maschinenraum umsehen. Vielleicht habe ich ja etwas übersehen."
Widerwillig wandte Pormas seinen Blick von Jean-Luc ab und fixierte Jack. Nachdem er kurz überlegt hatte, kam er zu einem anderen Schluß.
"Ich glaube hier werden wir kaum vernünftige Hinweise, geschweige denn Be-weise finden. Auf der Krankenstation hingegen dürfte Silvana alles erledigen und den Captain beschützen, schließlich komme ich ja gerade von da."
Fieberhaft überlegte der Südländer, was jetzt am Sinnvollsten zu tun war. Angst kam in ihm hoch, als er kurz davorstand kein Ziel mehr im Auge zu haben.
Aber nein, da fiel ihm etwas anderes ein. "Jack, Narbo und ich haben eine Liste erstellt mit allen verdächtigen Personen. Da du dir sicher auch deine Gedanken gemacht hast, mit Hilfe deiner psychologischen Dateien, wäre es nicht schlecht, wenn wir in dein Büro gingen und dort mit unseren neuen Anhaltspunkten weiterforschen würden."
Obwohl Jack sich mehr von Einträgen im Einsatzlog des Maschinenraumes versprach, willigte er in Pormas Idee ein. Es war außerdem eine Gelegenheit endlich seine Kleidung zu wechseln.
Mit einem bestätigenden Nicken machten sich die Beiden auf den Weg.
--- Krankenstation
Zischend quittierte Narbo die arrogante Art der Amazone, platzierte sich aber dennoch etwas abseits neben dem Eingang von Kargans kleinem Büro, um von dort den ganzen Raum im Blick zu haben. Sein Blick glitt zu dem Biobett, auf dem ein Hologramm den Platz des Captains einnahm...
Vielleicht würde der Anticaner ja doch überleben. Der echte natürlich und nicht diese schlechte Kopie. Slade brauchte er noch für die Rache an den Vandalen in seiner Bar.
Er war ein wichtiger Spielstein in seiner Intrige!
In diesem Moment öffnete sich zischend die Tür der Krankenstation und dieser kleine schlitzäugige Mensch kam herein! Sofort wandte sich der Drache von Krankenschwester an den sehr blaß und mitgenommen aussehenden Kerl, der seit dem Abgang dieses grünen Schimmelpilzes die Technik kommandierte.
Und dann kam es dem Ferengi wieder in den Sinn:
'Lin - Tachilon - Xiang...'
Der Name des Asiaten war einer auf der Liste der Verdächtigen gewesen!
Die Augen des Ferengi schlossen sich zu mißtrauischen Ritzen und er konzentrierte sich auf die Gesprächsfetzen, die er dank seiner Ferengiohren trotz der Entfernung und dem Lärm ohne Probleme mithören konnte:
"...brauche ich ein Beruhigungsmittel!", beendete Xiang gerade einen Satz und schaute Edwina mit dem mitleidserregenden Gesicht eines Wurmes an, bis sich die resolute Oberschwester schließlich umdrehte und einen Medizinschrank öffnete...
Währenddessen war Lin beinahe regungslos stehen geblieben und schien weiter in tiefen Depressionen zu stecken. Doch dann hob sich der Kopf des Koreaners leicht und Narbo konnte einen kurzen Blick auf dessen Mine erhaschen:
Ein Lächeln umspielte Lins Lippen.
--- Krankenstation, Kargans Büro
"Natürlich...!", murmelte Narbo leise und das Mosaik setzte sich aus den vielen kleinen Steinen im Kopf des Ferengi zusammen. Langsam hatte er sich unbemerkt in das Büro des Klingonen zurückgezogen und nun aktivierte er das Terminal, um Zugriff auf die Datenbank zu nehmen.
'Warum ist mir das nicht schon früher aufgefallen?!', fluchte Narbo innerlich. Beide Attentate setzten ein hohes technisches Wissen über den Aufbau der Privateer und einen unauffälligen Zugang zu den Systemen voraus. Von allen sieben Verdächtigen hatte nur einer diese Eigenschaften...
Die Gelegenheit war vorhanden.
Fehlte nur noch das Motiv. In seiner eigenen Zeit als Auftragsdieb waren oft kurz vor dem Beginn der Aktion Nachrichten verschickt worden, die einen speziellen Code verwendeten: Der Ferengi hatte des öfteren "interessante" Börsenkurse erhalten.
"Computer, isoliere alle als privat gekennzeichneten Kommunikationsverbindungen, die 48 Stunden vor dem Versagen des Turbolifts, eingegangen sind", flüsterte er leise und binnen Sekunden baute sich eine recht kleine Tabelle auf.
Ein Grinsen legte sich auf Narbos Gesicht, als er den Namen dieses Bastards auf der Liste fand. Leider konnte er auf die Nachricht nicht von hier aus zugreifen, aber er hatte genug gesehen.
Dieser Mensch würde es bald bereuen sich mit Narbo angelegt zu haben!
Vorsichtig blickte der Ferengi auf und schaute durch das leicht getönte Fenster des Büros, das seine Anwesenheit hier während der letzten Minuten erfolgreich vor Xiang verborgen hatte.
Der Koreaner wurde gerade von der Entenburg zu einem etwas gelegenen Biobett geführt, wo dieser sich mit einem dankbaren Nicken setzte und die ihm gegebene Pille in den Mund steckte.
Zufrieden drehte das Monster von Krankenschwester sich um und ging wieder zu dem holografischen Kargan, der scheinbar wundersame Erfolge bei der Wiederherstellung des Captains machte und dem Original schon beinahe widerlich glich. Zwei von der Sorte waren unerträglich.
Narbo fixierte weiter Lin und wurde dafür auch bald belohnt:
Xiang führte eine Hand an den Mund und steckte sie dann mit einer gleitenden Bewegung in seine Uniformtasche, um sie dort scheinbar wieder zu entleeren. Währenddessen haschte sein Blick durch die Krankenstation, wo jeder gebannt auf die Zaubershow des Klingonen starrte...
"Narbo an Silvana; dieser miese kleine Sack von Chefingenieur ist der Täter und es sieht so aus, als ob er hier und heute das Spiel beenden will... Laß mir ein Stück von dem Kadaver über; ich möchte damit die Ratten aus meinem Quartier vertreiben....", kontaktierte der Ferengi Silvana leise und ein Grinsen legte sich auf sein Gesicht.
Was auch immer der Bastard vorhatte: Es würde ganz anders ausgehen.
--- Krankenstation
Dieses typisch asiatische Lächeln stellte sich immer dann ein, wenn Xiang ein Gefühlschaos zu bewältigen hatte.
Offenbar war der Chefarzt persönlich damit beschäftigt, den Captain zu retten. Daß er es versuchte, bedeutete, daß er noch unter den Lebenden weilte. Das wiederum bedeutete, daß er möglicherweise gerettet werden würde. Und das wiederum bedeutete, daß Xiang sich noch nicht absetzen durfte.
Nachdem er das Medikament eingesteckt hatte, drehte er sich um und verließ immer noch lächelnd die Krankenstation und begab sich zu seiner Kabine.
Nachdem Silvana sich vergewissert hatte, daß der kleine Koreaner ihr kleines Täuschungsmanöver nicht durchschaut hatte und noch immer den holografischen Captain für den richtigen hielt und in dieser irrigen Annahme die Krankenstation verlassen hatte, verriegelte sie wieder den Eingang zur Krankenstation und kam aus ihrem Versteck hervor.
Die ganze Zeit, die sie dort mit Kargan und Slade verbracht hatte, war ihr klar geworden, daß sie ihm nicht von der Seite weichen würde, bis auch der richtige Attentäter zur Strecke gebracht worden war. Entgegen ihrer sonstigen Kälte empfand sie so etwas wie Mitleid für ihn. Der große stolze Slade nichts als eine leblos wirkende Hülle in schlechtem Zustand, die dazu noch einen ziemlich ekelerregenden Gestank nach Blut und Tod absonderte.
Narbo wartete schon auf sie und war sichtlich wütend darüber, daß sie nicht gleich zugeschlagen hatte, wo der Koreaner praktisch auf dem Servierteller vor ihnen lag. Aber die Sicherheitschefin wußte auch, daß sie sich keinen weiteren Fehler leisten durfte, da der Captain in seinem Gesundheitszustand keinen weiteren Anschlag überleben würde, wenn sich herausstellte, daß sie den falschen Attentäter erwischt hatten.
Bevor sie auf Narbos Communicationsspruch näher einging, wies sie den Computer an ein Sicherheitskraftfeld der Stufe 10 um das Biobett mit der Simulation zu legen, falls es wieder eine Explosion geben würde und sie zu verständigen, falls das Biobett sonst ungewöhnliche Werte vermittelte. Danach wandte sie sich an Narbo und hörte sich seine Beweise für Xiangs Schuld an. Ihre Pupillen verengten sich während seiner Erzählung und ihre Hände ballten sich zu Fäusten, aber dann schüttelte sich ihr Kopf.
"Verdammt, das ist zu wenig um ganz sicher zu sein, daß er es ist. Und wir können kaum den Captain in Zukunft ständig vor Angriffen von allen Seiten schützen. Das ist an Bord eines Schiffes wie diesem unmöglich. Ich denke, daß Xiang nichts zugeben würde, wenn er wirklich ein Profi ist bzw. im Gegenzug vielleicht alles gestehen würde, wenn man ihm nur gehörig zusetzt." Sie dachte an seinen Nervenzusammenbruch, als sie nach einem Schuldigen für die Explosion des Tarngenerators gesucht hatte.
Entweder war der Koreaner ein perfekter Schauspieler oder aber seine Nerven hielten solchen Belastungen nicht lange stand.
"Auf jeden Fall führen ziemlich viele 'Zufälle' in seine Richtung und passen sehr gut auf das bisherige Profil unseres Killers, auch wenn es zu wenig Beweise für auch nur eine seiner Taten sind und sein Verhalten bei einem Verhör nichts aussagen wird. Aber ich traue deinem Instinkt, Narbo. - Ich sehe aber nur eine Möglichkeit ihn zu fangen..." Silvana sah dem Ferengi tief in die Augen, doch sie schien durch ihn hindurchzusehen, als sie ihren Plan formulierte.
"Er muß noch einmal zuschlagen! Und wenn er das tut, und diesmal sicher sein wird Slade - der sich diesmal nicht von der Stelle bewegen kann - erwischt zu haben, dann wird er versuchen das Schiff auf schnellsten Wege zu verlassen. Dazu bieten sich die Peregrine Raiders richtiggehend an. - Narbo, du schnappst dir Pormas und ihr werdet verhindern, daß Xiang seine Flucht gelingt und er sich zur Raumbasis durchschlagen kann. Aber schnappt ihn nicht zu früh, damit er nicht vielleicht zufällig nur eine Inspektion bei den Peregrines durchführen wollte.
Sollte er euch ins Weltall entkommen, dann seht zu, daß ihr beide zurückbringt. Xiang und den Raider. Ich glaube... auch du willst keinen so schnellen Tod für ihn... oder Slade den Verlust eines Peregrines erklären, wenn er wieder auf dem Damm ist..." Damit wies sie Schwester Entenburg an, darauf zu achten, daß niemand die beiden Hologramme ansprach oder ihnen zu nahe kam, und den Computer die Türen wieder freizugeben.
Bevor sie wieder zum echten Slade zurückging um für den Fall der Fälle gewappnet zu sein, wandte sie sich abschließend noch einmal an Narbo dessen kleine Augen tödlich glitzerten und der es scheinbar nicht erwarten konnte Jagd auf den Koreaner zu machen: "Und paß auf, daß Pormas nicht alles durch eine spontane Dummheit verpatzt und Xiang den Braten nicht riecht.
Hast du meinen Plan verstanden? Oder hast du irgendwelche Probleme damit?"
'Diesen Plan hätte sogar der Schwächling Pormas verstanden', dachte Narbo abfällig, nickte aber gleichzeitig der Sicherheitschefin zu und setzte zischend hinzu "Das einzige Problem bei dem Plan ist dieser Mensch!"
Innerlich hoffte der Ferengi inständig, daß der Südländer bei dieser Mission abermals versagen würde und sein Schicksal danach in Narbos Hände fallen würde. Jemand mußte bei der Jagd sterben und mittlerweile war es ihm egal, ob letztlich Xiang oder Pormas ausgestopft in seiner Bar eine nette Dekoration abgeben würde...
Mit einem leisen Fluchen verabschiedete sich Narbo knapp und verließ die Krankenstation, nachdem er vom Computer den gegenwärtigen Aufenthaltsort von Pormas erfahren hatte...
--- Xiangs Kabine
Überall lag noch diese eklige rote Farbe, welche die gesamte Einrichtung praktisch unbrauchbar gemacht hatte. Xiang würde darüber allerdings mit niemandem reden. Er war sich sicher, daß diese Farbbombe eine Warnung war. Eine Warnung eines weiteren Agenten seines Auftraggebers, der den Auftrag hatte, ihn zu töten, falls er sich als unfähig herausstellte.
Und er war drauf und dran, sich als sehr unfähig herauszustellen.
Eine leichte Paranoia machte sich in ihm breit. Würde man ihn am Leben lassen? Wußte er bereits zuviel? Xiang konnte es sich nicht vorstellen, denn er interessierte sich grundsätzlich nicht für die Identität seiner Auftraggeber, solange sie gut und im Voraus zahlten. Aber wußte dieser Auftraggeber das auch? Oder würde er einfach aus der Vermutung heraus, daß er etwas wissen könnte, sein Todesurteil fällen?
Fiebrig durchstöberte der Koreaner, dessen Lächeln längst verschwunden war, die Logdateien seiner Kabine. Nach ein paar Minuten hatte er den Namen der Person, die sich als Einzige in seiner Abwesenheit in seinem Quartier zu Schaffen gemacht hatte.
Narbo, Betreiber der Bar...
--- Büro des Psychologen, inzwischen
Pormas hatte es sich auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch bequem gemacht und sah den Psychologen abwartend an. Er sah immer noch sehr mitgenommen aus, fand Jack.
Der Psychologe aktivierte das Terminal und rief die Personaldaten auf. "Was genau meinst du zu finden? Die Angaben, welche die Leute in dieser Datenbank gemacht haben, sind zu fünfzig Prozent an den Haaren herbeigezogen", er wies auf das Terminal. Nebenbei entledigte er sich seiner Jacke und zog auch sein T-Shirt aus, das auf dem Rücken in Streifen hing. Beides legte er zum Entsorgen in den Replikator.
"Ich bin erst ein paar Tage hier und kenne noch zu wenig von denen um ein klares Urteil abzugeben", fuhr Collins dann fort. "Zur Zeit habe ich nur zwei im Visier, Xiang und Narbo!"
Jack betrat die kleine Naßzelle, die zu dem volleingerichteten Büro gehörte, ließ den Türspalt aber ein wenig auf.
--- Büro des Psychologen, Naßzelle
"Narbo hat das Wissen um solche Attentate auszuführen, das kannst du in dem Bericht der letzten Mission der Privateer lesen", Jack redete etwas lauter, als er die Dusche anstellte. " Und er hat, wie es aussieht auch die Mittel dafür, in seinem Shuttle, das hier an Bord ist."
--- Büro des Psychologen
Nachdem Collins sich kurz abgeduscht hatte, zog er seine Hose wieder an und ging zum Replikator um sich ein neues T-Shirt zu replizieren.
Dann setzte er sich auf seinen Stuhl hinter dem Schreibtisch. "Daß Narbo sich auf dem Schiff gut auskennt, findest du auch dort, im Teil mit den Jumpern. Die Sache hat nur einen Haken, wenn Narbo öffentlich, auf einem Gang, der häufig benutzt wird an einer Antimaterieleitung rumfummelt, noch dazu in der Nähe des Maschinenraumes, würde das nicht unbemerkt bleiben.
Das könnte nur Xiang! Keiner würde Verdacht schöpfen, wenn er dran rumbastelt. Darum wollte ich eigentlich die Einsatzlogs im Maschinenraum nochmal untersuchen. Aber notfalls komme ich auch von hier an die Daten heran. "Und, wie ist deine Meinung dazu? Außerdem würde ich gerne die Namen der Leute auf eurer Liste mal sehen."
Pormas kramte das Padd aus seiner Jackentasche heraus und gab es dem Psychologen. "Hier. Darauf sind alle verdächtigen Personen gespeichert. Der Name Xiang taucht darauf aber nicht auf, was allerdings nichts zu bedeuten hat."
Nachdenklich rieb sich der Südländer die Stirn, als er fortfuhr: "Deine Überlegungen sind nicht schlecht und Xiang gehört nun auch zu dem engeren Favoritenkreis. Allerdings mußt du eines bedenken:
Auf diesem Schiff interessiert sich aus Prinzip niemand sonderlich für irgend etwas außerhalb seines Interessengebietes. Du vergißt, hier gibt es keine Uniformen, noch ist hier so eine Vertrautheit, daß jeder jeden beim Namen kennt.
Wenn wir einfach über den Gang schlendern würden und jemand würde an irgendeiner Leitung herumbasteln.... was würde uns das interessieren? Mit Narbo hast du auf jeden Fall Recht, er ist einfach zu bekannt.
Aber sonst könnte es einfach jeder sein. Im Zweifelsfalle einfach ein unauffälliger Kerl, der bei der Technik arbeitet, aber wesentlich mehr davon versteht als er zugibt." Damit beendete Pormas seinen Monolog und wartete, was Jack dazu sagen würde.
--- Deck 5, Gänge
Weit hatte Narbo nicht zu laufen gehabt, da sein Ziel sich nur wenige Meter weiter befand: Scheinbar hatten die beiden schwächlichen Menschen ihre Nachforschungen aufgegeben und sich ins Büro von Collins gleich nebenan verkrochen.
"Wie ärmlich!", zischte der Ferengi abfällig und spuckte auf den ansonsten sauberen Boden. Und mit diesem widerlichen Pack mußte er zusammenarbeiten.
--- Büro des Psychologen
Ohne zu klingeln oder sich sonst anzukündigen, überging Narbo schnell die elektronischen Sperren der Tür und trat in den hell eingerichteten Raum ein, in dem die beiden Anwesenden ihn sofort merkwürdig anguckten.
Collins Haare waren naß und glitzerten leicht in dem freundlichen Licht, das den Raum erfüllte, während er mehr zu sich selber sprach: "Wenn man vom Teufel spricht..."
Narbo ignorierte den inhaltslosen und für ihn unwichtigen Satz; er hatte eine Aufgabe zu erfüllen und freute sich schon das Versagen von Pormas zu protokollieren.
"WAS gibt's zu glotzen? Ich dachte, ich schau mal rein... Hat einer Lust Xiangs Knochen knacken zu lassen?", grinste er leicht und wartete auf Antwort.
--- Krankenstation, beim echten Captain
Nachdenklich verfolgte Silvana jede Bewegung des klingonischen Arztes. Dabei stellte sie fest, daß er wenigstens ein guter Arzt war, wenn er schon sämtliche Flirtversuche ihrerseits bisher hartnäckig übersehen hatte. Terraner schienen sie jedenfalls zu bemerken.
Ein Anflug eines Lächelns huschte über ihr Gesicht verschwand aber gleich wieder, als sie sich wieder der augenblicklichen Situation bewußt wurde.
Sie wollte Kargan fragen wie es um Slade stand, beschloß dann aber, ihn besser nicht mit Fragen zu stören. Präzisionsarbeiten wie diese bekam er sicher nicht jeden Tag auf den Tisch, und daß Slade noch atmete war schon mal ein gutes Zeichen. Dabei fand sie es nicht gerade erbaulich, daß es nur einen ordentlichen Arzt an Bord gab, der sich um die schweren Fälle kümmerte.
Wo war eigentlich diese nichtsnutzige Indianerin, die ständig nur an Kargans Seite auftauchte um zu singen?
Dabei begann sie Kargan zur Hand zu gehen und Teile der ekligen undefinierbaren Masse auf dem Anticaner zu entfernen bei denen sie mit Sicherheit annahm, daß sie nicht zu ihm gehörten und Kargan sie nicht doch noch brauchte. Sie fragte sich, wie das bei einer Explosion passiert sein konnte oder ob der Captain irrtümlicherweise mit dem Inhalt von Jean-Lucs Abfalleimer - den die Mannschaft heimlich den 'Resteverwerter' nannte - rematerialisiert war.
Plötzlich meldete sich Silvanas Communicator zu Wort: "Team Alpha an Silvana. Wir haben den Unfallort auf Ihre Anweisung hin untersucht und abgeriegelt. Laut dem Technikerteam, das die Stelle untersucht hat, kann es zu keiner weiteren Explosion kommen. Sollen wir die Stelle trotzdem gesperrt lassen oder können wir die Absperrung wieder auflösen?"
"Löst die Sperre wieder auf", meinte Silvana, die nicht annahm, daß dort ein zweiter Anschlag geplant war. Und Xiang würde als nächstes wohl erneut zuschlagen und nicht versuchen irgendwelche Spuren zu beseitigen, die ihn nur noch mehr in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stellten. "Ansonsten hab ich keine neuen Anweisungen für euch, als daß ihr mir Narbo und Pormas nicht behindert.
Sollte es etwas Neues geben, möchte ich sofort informiert werden. Gibt es sonst noch etwas von dem ich wissen sollte?"
"Verstanden", meinte der Sicherheitler kurz und setzte dann nach. "Ja, es gibt noch etwas. Es hat den Captain nicht alleine erwischt. Eine gewisse Tayeya-wakan soll sich bei ihm befunden haben und das meiste abbekommen haben. Angeblich die neue Ärztin, die erst vor kurzem an Bord gekommen. Hatte ziemliches Pech, die Kleine. Ihre sterblichen Überreste wurden wie immer abtransportiert. Team Alpha Ende."
Mit einem leichten Seufzen entfernte Silvana etwas vom Captain was dann wohl die Tatsache erklärte, warum Kargan nur alleine mit dem MHN operierte. Jedem anderen wäre bei dem Anblick wohl schlecht geworden, wenn er nicht gerade Arzt war, aber Silvana hatte in dieser Hinsicht eine nahezu eiserne Konstitution. Was schon alleine daher rührte, daß sie solche Anblicke oft erst selbst fabrizierte.
Zwar würde bei Tayeyas Begräbnis niemand singen - eine Tatsache, die ein boshaftes Grinsen auf Silvanas Gesicht zauberte - aber vielleicht erbarmte sich ja Narbo und würde einen Freudentanz hinlegen. Zwar hatte die Indianerin ihm das Leben gerettet, aber er tat fast alles dafür nur um die Leute in seine Bar zu holen und ihren Verdienst in seinen Tasche wandern zu lassen.
Bei dem Gedanken nahm Silvana sich vor, wenn Xiang unmißverständlich als Attentäter überführt und entsorgt war, Narbos Bar einen kleinen Besuch abzustatten.
Aber zur Abwechslung mal als zahlender Gast.
Kargan hingegen hatte nicht so viel Muße, sich über seine künftige Freizeitgestaltung Gedanken zu machen. Als der Captain 'eingeliefert' wurde, war dem Chefarzt noch nicht klar, ob er es schaffen würde, ihn überhaupt am Leben zu erhalten.
Die Verbrennungen dritten Grades, die sich weit über seinen ganzen Körper zogen, hatte Schwester Entenburg reaktionsschnell mit Polyterflon-Tüchern abgedeckt, was das Eindringen von Keimen erschwerte. Die Explosion - Kargan hatte keinen Zweifel, daß der Captain von einer solchen verunstaltet worden war - hatte das Fell des Anticaners großflächig verschmort und teilweise mit dem lederartigen Gewebe darunter verschmolzen.
Das bioregerative Feld des Bettes regte das dermale Zellwachstum an, so daß zu hoffen war, daß sich die Haut des Patienten in ein paar Stunden wieder erholt haben würde, falls er so lange überleben würde.
Denn rein äußerlich betrachtet waren diese Verbrennungen fast Slades schlimmste Verletzungen, von etlichen Blutungen mal abgesehen, die von der Schwester schnell verödet worden waren. Bei näherer Betrachtung allerdings hatte sich schnell herausgestellt, daß sich Slade etliche Knochenbrüche und innere Verletzungen zugezogen hatte.
Was Kargan am meisten Kopfzerbrechen bereitete war allerdings...
"Äh, Silva, wenn du schon hier herumstehst, kannst du dich bitte mal erkundigen, ob irgendwer den Arm des Captain aus Versehen eingesteckt hat?"
Silvana verzog das Gesicht zu einem schiefen Grinsen. Anscheinend hatte sie Kargan doch etwas überschätzt, wenn er mit den Körperteilen des Captains so sorglos umging und sich erst um Details kümmerte, statt ihn vor allem wieder zu einem Stück zusammen zu flicken.
Mit einem leichten Kopfschütteln aktivierte sie ihren Communicator: "Silvana an Sicherheit auf Deck 8. Kümmere sich doch eben wer rasch darum, daß endlich der Sack mit den Leichenteilen hier in der Krankenstation landet, wo er im Grunde schon lange sein sollte. Weiß der Teufel wer da wieder geschlampt hat.
Und wenn nicht innerhalb der nächsten Minute der Arm hier auftaucht, der etwas behaarter ist, als die beiden anderen, falls diese noch als solche erkennbar sind, dann werden ein paar Köpfe rollen.... Silvana Ende." Damit unterbrach Silvana die Verbindung wieder und wunderte sich, daß ihr der fehlende Arm nicht bereits selbst aufgefallen war. Dann erinnerte sie sich aber daran, daß sie Slades unterer Hälfte mehr Beachtung beigemessen hatte. Weshalb sie nicht gerade alle Gliedmassen nachgezählt hatte.
"Kargan, manchmal zweifle ich echt daran, daß du Arzt geworden bist, weil du in der Medizin gut bist und glaube eher, daß man dich nur nicht auf dem Kampffeld haben wollte, damit du nicht aus Versehen deinen eigenen Leuten in den Hintern schießt", meinte Silvana und noch während sie auf Kargans Reaktion wartete, hörte man schon das Geräusch eines sich materialisierenden Gegenstandes...
...und Schwester Entenburgs erschrockenes Schreien und Quieken.
"Ich denke, irgendwer hätte die Arme vorwarnen sollen", sagte Silvana, doch ihre belustigt gelbfunkelnden Augen und ihr breites Grinsen sprachen Bände.
Nachdem Schwester Entenburg sichtlich angewidert und mit säuerlicher Mine ein kleines Paket umwickelt mit einem Tuch bei ihnen abgeliefert hatte und ihnen glaubhaft versichert hatte jetzt ihre längst verdiente Pause in Narbos Bar abzuhalten, machte sich Kargan wieder an die Arbeit.
Aber Silvana bekam nichts von all dem mit, ständig geisterte ihr Xiang im Kopf herum. Nun, da noch immer niemand außer ihm auf die Krankenstation gekommen war um sich zu vergewissern, ob der Captain noch lebte, war es für Silvana so gut wie sicher, daß der Cheftechniker und der Attentäter ein und dieselbe Person waren und Narbos Theorie sich bestätigte.
In ihren Gedanken kreiste alles darum, was wohl gerade in Xiangs kleinem Hirn vor sich ging. Er war an Bord gekommen und hatte die Anweisung gehabt den Captain zu killen. Was er zuerst mit einem 'kleinen Unfall' versucht hatte. Dabei hatte er aber nur zwei harmlose Techniker erwischt und einen Sicherheitler in eine weinerliche Krise gestürzt.
Dann hatte er kurze Zeit verstreichen lassen und Slade war ihm wirklich in die Falle gegangen. Wie genau war der Ablauf diesmal gewesen? Sie wusch sich die Hände und verließ ihr Versteck um in Kargans Büro zu gehen und seinen Monitor zu benutzen.
--- Büro des Psychologen
"Sieh an!" Jack lehnte sich zurück. "Wir hatten uns gerade geeinigt, daß du nicht unbedingt der Attentäter sein mußt, was natürlich nicht heißen soll, daß wir deine Leistungen auf dem Gebiet der Pyrotechnik herunterspielen wollen", er sah zur Tür, "und dem kunstvollen Umgehen einiger Sicherheitssperren.
Aber egal, warum hast du dir ausgerechnet Xiang zum Attentäter ausgewählt?", fragte Collins.
Der Ferengi grinste triumphierend und kostete diesen Moment richtig aus.
Nach einer betonten Pause, die Jack und Pormas schon bald als Provokation vorkam, erzählte Narbo kurz von seinem Erlebnis auf der Krankenstation, wobei er sicherlich abwog, was er preisgeben mußte und was er lieber für sich behielt.
"Hm, wenn wir nicht etwas übersehen haben..." Jack sah zu Pormas. "Er hat also unseren Captain im Visier und es ist das zweite Mal, daß er es nicht geschafft hat. Man kommt ihm langsam auf die Spur, er weiß das und das alles macht ihn nervöser und gefährlicher.
Wir müssen vorsichtig sein, wenn er in die Enge getrieben wird, könnte er noch auf ganz andere Ideen kommen. Ich an seiner Stelle würde, wenn alles schiefgeht, immer noch einen gewissen Trumpf in der Hinterhand halten."
Die Anzeige auf Narbos Chronometer war in unerbittlicher Bewegung und mittlerweile wartete er nun schon eine ganze Minute auf die Antwort von Pormas - der Schwächling war wohl zu überhaupt nichts mehr zu gebrauchen!
Ungeduldig trommelte der Ferengi mit seinen Fingern auf eine Wandverkleidung und schaute zu Collins herüber, der ebenfalls schon leicht genervt zu sein schien.
"Erleb ich es noch, Sweetheart?!", zischte er dem Südländer schließlich zu...
Zornig fuhr Pormas aus seinen Gedanken hoch. Er hatte sich alles noch einmal durch den Kopf gehen lassen und mit den Vorgehensweisen aus seiner Vergangenheit verglichen. Das Ergebnis gefiel ihm gar nicht.
"Natürlich Kleinohr", entgegnete er dem ungeduldigen Ferengi, bevor der Südländer sich betont pflichtbewußt Jack zuwandte. "Mir ist gerade was durch den Kopf gegangen...
Uns ist klar, daß Xiang im Auftrag handelt. Was hat es dem Auftraggeber bis jetzt gebracht? Zwei Fehlschläge. Selbst wenn dieser davon nichts wissen würde, kann unser Chefingenieur seinem Boss keine Bestätigung des Auftrages zugeschickt haben. Und wenn dieser ominöse Auftraggeber nicht völlig vertrauensselig ist, wird er ungeduldig."
Der Psychologe schien verwirrt, nickte aber bestätigend, als Pormas weiterredete: "Bei Attentaten dieser Größenordnung werden immer zwei Leute ausgesandt. Einer der die Zielperson umbringen soll und ein Mann der den Attentäter überwacht und im Falle des Versagens aus den Weg räumt."
Langsam driftete der Blick des Griechen zu Narbo ab: "Du kennst nicht zufällig eine Person hier an Bord, die sich darum gerissen hat einen Attentäter, der seine 'Ehre' beschmutzt hat, zu stellen und zu lynchen?"